Da das sogenannte "Baby-Agility" mittlerweile doch sehr in Mode gekommen ist, möchte ich nun meine eher etwas kritischen Gedanken dazu äussern.
Zuerst einmal eine ganz simple Frage: Ist es denn wirklich sinnvoll und vonnöten, dass bereits ein 16 Wochen alter "Zwerg" Agy-Luft schnuppern soll/muss?
Als ich im Sommer 2008 ein Wochenende im schönen Deutschland verbrachte, erlebte ich als Zaungast ebenfalls eine solche Demonstration. "Nein, die Hunde machen selbstverständlich noch keine Sprünge", versprach die Kursleiterin. Nur, was ich da sah, stimmte mich doch sehr nachdenklich. Die Junghunde arbeiteten mit einem Affenzahn an den einzelnen Sequenzen. Die Stangen waren wohlgemerkt am Boden, die jungen Hunde rannten auf die gewünschten Stimm-/Führzeichen zwischen den Auslegern in alle möglichen und unmöglichen Richtungen. Die Belastungen und Kräfte, die bei solchen Übungen auf den ganzen Körper und die Gelenke einwirken (bei einem Hund im Wachstum, auch ohne Stangen) sind meines Erachtens ebenso schädlich, wenn nicht sogar noch schlimmer. Da sich Border Collies und Co. oftmals geradezu zum Arbeiten aufdrängen, entsteht ein verfälschtes Bild und Gefühl für den Hundeführer.
Nun zurück zu meiner ersten Frage.
Viele, die solche Kurse anbieten, machen dies aus folgendem Grund: Die Junghunde sollen ohne Druck und auf spielerische Art und Weise auf ihr späteres (hoffentlich erfolgreiches...) Agy-Leben vorbereitet werden. Balance, Koordination, besseres Körpergefühl werden dadurch ebenfalls gefördert. Dies erreicht man meines Erachtens ebenso in einer guten Welpen-/Hundeschule, wo die Kleinen auf Wackelbrettern, verschiedenen Untergründen etc. solche Kontakte erfahren. Ein guter Züchter leistet auch hier bereits eine gewisse Vorarbeit, auch wenn dies sicherlich nicht für das ganze Hundeleben ausreicht.
Warten bis der Hund einigermassen "fertig" ist - körperlich wie geistig - will ja sowieso niemand. Warum auch, das dauert ja viel zu lange, obwohl diese Zeitspanne absehbar ist. Sicherlich, gemeinsames Arbeiten stärkt die Bindung, das Vertrauen und natürlich auch das Selbstbewusstsein!
ABER, wenn bei mir ein neues Familienmitglied einzieht, geht es zuerst einmal ab in die Welpenspielstunde. Da es auch dort solche und solche gibt, kläre ich im Voraus ab, welche in Frage kommt und schaue mir diese bestenfalls vorgängig mal ohne Nachwuchs an.
Im Anschluss folgt der Junghundekurs; genau, mit 16 Wochen ist bei meinen Vierbeinern das Thema Agility noch in weiter Ferne. Natürlich spricht nichts dagegen, dass die Hunde in diesem Alter in den erwähnten Kursen beispielsweise mal durch den Tunnel o.ä. rennen, aber dabei sollte man es doch belassen.
Auch wenn ich mich nicht wirklich als totaler BH-Fanatiker oute, absolviere ich im Anschluss an den Junghundekurs einen reduzierten BH-Aufbau. Unterordnung, Apportieren und natürlich auch das Fährten lasten einen Halbstarken wunderbar aus, Kopfarbeit ist das Zauberwort, was meiner Ansicht nach um Welten besser ist, als wenn nur die Beine müde sind.
Da ich zur heutigen Zeit bei jedem neuen Hund den obligatorischen SKN-Kurs absolvieren muss, wäre dies nun das nächste Ziel...
Weiter lernt mein Hund in dieser Zeit, spielerisch auf mein linke und rechte Seite zu gelangen, vor bzw. hinter mir zu wechseln, Platz zwischen meinen Beinen, das Warten sowieso usw. Diese Vorübungen erleichtern mir den späteren Umgang im Aufbau wesentlich. Wieder haben wir so an unserer Bindung sowie an der Erziehung gearbeitet, ohne je einen Parcours betreten zu haben.
Mein damaliger Welpe wäre nach dieser Zeit wohl gute 10 Monate alt, ohne jemals Agy gemacht zu haben. Er hat zwischenzeitlich gelernt, sich mit anderen Hunden, Menschen und der ganzen Umwelt auseinanderzusetzen und hoffentlich auch damit klar zu kommen, ein Mass an Grunderziehung genossen - ebenfalls auf spielerische Art und Weise und ohne Druck. Nur weiss er zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, wie die Agy-Geräte heissen und was auf so einem Platz alles zu tun ist.
Eine sehr erfahrene Borderzüchterin sagte vor Jahren zu mir, man solle den Hund im ersten Jahr möglichst "sein lassen" und so wenig wie möglich hochpuschen. Je mehr Action, Arbeit resp. ein voller Terminkalender ein Welpe/Junghund im ersten Jahr erlebt, umso schwieriger wird es im späteren Leben mit ihm. Er wird zusehends mehr vom Besitzer fordern und irgendwann dreht auch der Zweibeiner durch, weil er dem Vierbeiner kaum mehr gerecht wird.
Baby-Agility wird oftmals als total harmlos abgestempelt, denn man ist ja äusserst bedacht, dem Welpen in keinster Weise zu schaden. Man sieht darin nur das Positive. Nur, was ist in ein paar Jahren mit diesen Hunden? Meist sind es ja genau diese, die bereits im Mindestalter von 18 Monaten an ihrem ersten Wettkampf teilnehmen, mit spätestens zwei Jahren in der Klasse 3 laufen, umgehend die fünf WM-Qualis ehrgeizig bestreiten und bestenfalls auch in die Nationalmannschaft hüpfen, um anschliessend hoffentlich gleich den Einzel- und/oder Mannschaftsweltmeistertitel abzusahnen. Übertrieben??? Nein, ich denke nicht. Was hier vielleicht etwas krass formuliert ist, trifft im täglichen Agy-Leben bei manchen - ja, sogar bei vielen - zu. Der Ehrgeiz des Herrchens hat Auswirkungen auf die Gesundheit des vierbeinigen Agilitysportlers: Gelenks-, Verschleiss- und zig andere Erkrankungen, Rückenprobleme, vorzeitige Pensionierung im Hundesport etc.
Heute gehört es bei vielen zum guten Ton, mindestens zwei Mal pro Woche zu trainieren, natürlich meist noch bei verschiedenen Trainern, man will sich ja schliesslich entwickeln. Kommt hinzu, dass Meetings von Januar bis Dezember angeboten werden, jedes Team die Möglichkeit hat, zusätzlich zum Training gleich noch samstags und sonntags zu starten, ganz zu schweigen von Wochen(end)kursen...
Hmm, meine Woche hat "nur" sieben Tage. Ob man davon gleich vier davon dem Hobby Agility opfern möchte, muss jeder selber wissen...
Aber, wie geht es diesen Hunden, wenn sie älter sind? Ist man sich dies überhaupt bewusst? Obwohl, bei manchen werden die Vierbeiner dann eben halt einfach ausgetauscht, wenn sie ausgedient haben - traurig aber wahr und meist sind ja bereits die nächsten Agy-Hoffnungen im Aufbau.
Wäre es nicht erstrebenswert, mit einem älteren und gesunden Hund noch Agility betreiben zu können? In der Szene gibt es zum Glück auch diese positiven Beispiele. Darauf wäre ich als Hundeführer wesentlich mehr stolz, als mit einem jungen Hund bereits in der Klasse 3 zu laufen.
Das Physische ist der erste Punkt, das Psychische ein weiterer Aspekt.
Als Beispiel nehme ich mal mein braunes Sensibelchen. Wayne hat im Alter von 17 Monaten - richtig Monate nicht Wochen - zum ersten Mal auf dem Agy-Platz gestanden. Körperlich war der Riese damals noch lange nicht "fertig" und auch geistig merkte man ihm an, dass er im Kopf noch nicht wirklich bereit dafür ist. Zugegeben, ein doch eher extremes Beispiel. Für ihn war es damals sicherlich zu früh. Mit gut drei Jahren merkte man ihm an, dass er auch mental langsam bereit für diesen Sport ist.
Beispiel Rose. Das Energiebündel bestritt im Alter von 12 Monaten ihre erste Agilitylektion. Sie kann man durchaus rein arbeitstechnisch als komplettes Gegenteil von Wayne bezeichnen. Von Anfang an doch motiviert und streberhaft bei der Sache. Im Eifer bekam ich immer mal wieder ihre Zähnchen zu spüren, sie begann sich teilweise komplett zu vergessen. Hätte ich diesen Hund bereits mit vier Monaten auf den Agy-Platz geschleppt, weiss Gott wie diese ohnehin schon etwas durchgeknallte Lady wohl heute so drauf wäre. Eifer hin oder her, Rose liegt während der ganzen Agy-Lektion ohne Leine neben mir und verhält sich ruhig. Erst wenn es an's Arbeiten geht, dreht sie so richtig auf; genau so soll es meiner Ansicht ja auch sein!
Jeder soll sich seine eigene Meinung darüber bilden, hinter er/sie auch stehen kann. Eine Garantie hat man sowieso nie, dass der geliebte Vierbeiner bis ins hohe Alter gesund, fit und munter bleibt. Es liegt aber durchaus an uns, mit Vernunft und Verantwortung Sport zu betreiben. Der Hund kann diese Entscheidung nicht alleine treffen. Sport ist nicht generell schädlich!!! Aufwärmen und richtiges Auslaufen ist wohl ein weiterer Punkt, dem leider oft zu wenig Beachtung geschenkt wird. Aber schliesslich müssen ja auch in Zukunft die Tierärzte und Physiotherapeuten beschäftigt werden...
Durch Megan musste ich die schmerzliche Erfahrung machen, dass Agility nicht alles im Leben ist. Meine Hunde und ich lieben diesen Sport, aber es gibt noch andere Aktivitäten und wesentlich wichtigere Dinge. Wir brauchen Abwechslung und geniessen es, am Wochenende auch mal auf der faulen Haut zu liegen, die Zeit am See zu verbringen etc. - und das tägliche Joggen von Frühling bis Herbst möchten wir natürlich ebenso keinesfalls missen...